Themen und Impulse

THEMEN UND IMPULSE

Was Beziehungen bewegt: Konflikte, Nähe, Kommunikation und der Alltag zwischen zwei Menschen.

Mai 2026

Wir möchten uns einfach nicht mehr streiten!

Diesen Wunsch höre ich in der Paartherapie häufig. Und ich muss die Paare meist ein wenig enttäuschen – denn dieses Anliegen kann und möchte ich nicht erfüllen.

Zwei Menschen bringen unterschiedliche Erfahrungen, Bedürfnisse, Werte und Erwartungen mit. Sie erleben Situationen unterschiedlich, setzen andere Prioritäten und haben nicht immer dieselbe Meinung. Dass daraus Konflikte entstehen, ist nicht ungewöhnlich. Es wäre eher ungewöhnlich, wenn es keine gäbe.

In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass viele Paare Konflikte als Zeichen dafür verstehen, dass mit ihrer Beziehung etwas nicht stimmt. Häufig erzählen sie, dass Streit in ihrer Herkunftsfamilie vermieden wurde. Treten in der eigenen Beziehung dann Konflikte auf, werden diese nicht selten als Warnsignal verstanden und die gesamte Beziehung infrage gestellt.

Dabei erlebe ich oft, dass die Häufigkeit der Konflikte gar nicht das eigentliche Problem ist. Auch Paare, die ihre Beziehung als glücklich erleben, streiten. Entscheidend ist vielmehr, wie sie miteinander umgehen – während des Konflikts und danach. Genau das zeigt auch die Paarforschung: Nicht die Anzahl der Konflikte sagt etwas über die Qualität einer Beziehung aus, sondern die Art und Weise, wie Paare sie austragen und ob es ihnen gelingt, nach einem Streit wieder miteinander in Verbindung zu kommen.¹

Ein Konflikt macht oft sichtbar, worüber bisher nicht gesprochen wurde. Vielleicht bleiben Bedürfnisse unerfüllt, Erwartungen unausgesprochen oder beide erleben dieselbe Situation völlig unterschiedlich. Solange darüber gesprochen werden kann, müssen Konflikte einer Beziehung nicht schaden. Im Gegenteil: Sie können helfen, sich selbst und den anderen besser zu verstehen.

Konflikte können sichtbar machen, was zwischen zwei Menschen gerade im Weg steht. Wenn beide bereit sind, sich damit auseinanderzusetzen, können daraus Veränderungen entstehen. Nicht, weil Streit etwas Positives ist, sondern weil er Entwicklung möglich macht.²

Das Ziel einer Paartherapie ist deshalb nicht, Streit zu vermeiden. Konflikte werden immer Teil einer Beziehung bleiben. Es geht vielmehr darum, einen Umgang mit ihnen zu finden, bei dem beide sich mit ihren Gedanken und Gefühlen ernst genommen fühlen und auch in schwierigen Momenten miteinander im Gespräch bleiben.

Denn nicht der Konflikt entscheidet darüber, wie sich eine Beziehung entwickelt. Sondern das, was zwei Menschen daraus machen.

Quellen

Gottman Institute. Research Overview sowie Conflict Resolution in Relationships. Langzeitstudien zeigen, dass stabile Paare ebenfalls Konflikte erleben und sich vor allem durch ihren Umgang mit Konflikten unterscheiden.

Gottman Institute. Managing vs. Resolving Conflict; Pesetsky, J. (2021). How Conflicts Help You Understand Your Partner. Konstruktiv bearbeitete Konflikte können Verständnis und Verbundenheit fördern.

 

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