THEMEN UND IMPULSE
Gedanken aus meiner Praxis zu Beziehungen, persönlichen Herausforderungen und Mental Load.
September 2026
Wie wir mit uns sprechen – und was das mit unserem Selbstwert macht
Kennen Sie diese Sätze?
„Ich kann das nicht.“ „Ich bin so blöd.“ „Das darf doch nicht passieren!“ Bestimmt.
Es ist erstaunlich, wie scharf unser innerer Ton uns selbst gegenüber ist. Und noch erstaunlicher ist vielleicht, wie wahr er sich in diesem Moment anfühlt. Dabei sind Fehler etwas zutiefst Menschliches. Wir machen sie, lernen aus ihnen und können uns dadurch weiterentwickeln.
Manche Menschen machen einen Fehler und denken: „Hoppala, das ist jetzt aber nicht gut gelaufen. Beim nächsten Mal mache ich es anders.“ Andere denken „Ich kann das gar nicht. Ich bin so blöd. Unverzeihlich, dass mir das passiert ist.“
Der Unterschied liegt nicht unbedingt darin, ob ein Fehler passiert ist. Sondern darin, wie wir danach mit uns sprechen.
Wenn aus einem Fehler ein Urteil über uns selbst wird
Die kritische Stimme in unserem Kopf kann sehr laut werden. Aus „Das hat nicht gut funktioniert“ wird schnell „Ich kann das nicht“. Aus „Das hätte ich anders machen können“ wird „Ich bin einfach unfähig“.
Der einzelne Fehler wird zu einem Urteil über die eigene Person. Das ist hart und anstrengend. Häufig grübeln wir dann stundenlang über die Situation, gehen immer wieder durch, was passiert ist, und kommen dabei zu demselben vernichtenden Schluss: Ich habe es einfach nicht drauf.
Woher kommt diese kritische Stimme?
Die kritische Stimme in uns ist häufig laut, erbarmungslos und hart. Und doch hat sie nicht unbedingt nur eine negative Funktion.
Solche inneren Muster können ursprünglich einmal entstanden sein, um uns zu schützen – beispielsweise vor Ablehnung, Enttäuschung oder dem Gefühl, nicht dazuzugehören. Vielleicht haben wir irgendwann gelernt: Wenn ich mich selbst streng genug beurteile, mache ich weniger Fehler. Wenn ich mich selbst zuerst kritisiere, kann es niemand anderes tun.
Das bedeutet nicht, dass diese Stimme heute noch hilfreich ist. Aber es kann helfen, sie mit etwas mehr Verständnis zu betrachten. Denn auch der Ton, mit dem wir mit uns selbst sprechen, ist nicht einfach gegeben. Wir haben ihn gelernt. Und was wir gelernt haben, können wir auch verändern.
Erst einmal beobachten
Wie hart wir mit uns sprechen, ist uns häufig so vertraut, dass wir es gar nicht bemerken. Es passiert automatisch.
Deshalb kann ein erster Schritt darin bestehen, den eigenen inneren Dialog überhaupt einmal wahrzunehmen. Achten Sie in herausfordernden Situationen darauf, wie Sie mit sich sprechen. Vielleicht schreiben Sie einige dieser Sätze auf. Es kann erstaunlich sein, die eigenen Gedanken einmal schwarz auf weiß vor sich zu sehen.
Und dann stellen Sie sich die Frage: Würden Sie so mit einer guten Freundin sprechen, die gerade einen Fehler gemacht hat? Würden Sie ihr tatsächlich sagen:
„Du bist so blöd.“ „Das kannst du einfach nicht.“ „Unverzeihlich, dass dir das passiert ist.“ Vermutlich nicht.
Gerade in schwierigen Situationen brauchen wir häufig Unterstützung, Wohlwollen und Ermutigung. Warum sollte das für uns selbst anderes sein?
Ein selbst gefälltes Urteil fair betrachten
Nehmen Sie einen Gedanken, der bei Ihnen immer wieder auftaucht und besonders schonungslos ist. Schreiben Sie ihn zunächst genau so auf, wie er in Ihrem Kopf auftaucht.
Und dann schauen Sie ihn genauer an. Es geht nicht darum, den Gedanken zu widerlegen oder ihn einfach wegzumachen. Vielleicht gibt es tatsächlich etwas, das Sie beim nächsten Mal anders machen möchten. Darum darf es gehen. Aber eben nicht nur darum.
Versuchen Sie, den Gedanken fair zu beurteilen. Was spricht dafür? Was spricht dagegen? Gibt es Gegenbeweise? Was würden Sie einer guten Freundin in derselben Situation sagen?
Und dann formulieren Sie Ihren ursprünglichen Gedanken noch einmal. Nicht schönreden. Nicht beschönigen. Sondern realistisch und freundlich.
Lesen Sie anschließend beide Sätze noch einmal. Den alten Gedanken und Ihre neue Formulierung. Wie fühlt sich der Unterschied an?
Vielleicht verändert sich dadurch nicht sofort Ihr ganzes Denken. Aber vielleicht beginnt etwas Wichtiges: Sie bemerken, wie Sie mit sich sprechen. Und Sie entdecken, dass Sie dieser Stimme nicht immer das letzte Wort geben müssen.
Zum Weiterlesen
Die Psychologinnen und Psychotherapeutinnen Lara Bianchi, Annelie Droste, Luisa Lorenz und Katrin Müller beschäftigen sich in 7 Schritte zu einem besseren Selbstwert mit dem inneren Dialog und weiteren Aspekten rund um das Thema Selbstwert.
Das Buch enthält zahlreiche Übungen, die dabei unterstützen können, den eigenen Umgang mit sich selbst bewusster wahrzunehmen und zu verändern. Auch die in diesem Essay beschriebene Übung zur kognitiven Umstrukturierung stammt aus diesem Buch und wurde für diesen Text zusammengefasst.
Wer sich weiter mit dem eigenen Selbstwert und dem inneren Dialog beschäftigen möchte, findet dort neben Erklärungen viele praktische Anregungen und weiterführende Übungen.
Bianchi, L., Droste, A., Lorenz, L. & Müller, K. (2026). 7 Schritte zu einem besseren Selbstwert. Verlag Modernes Lernen.
August 2026
Verantwortung teilen – wie geht das eigentlich?
"Ich will doch Aufgaben übernehmen. Aber egal, wie ich es mache, es ist sowieso nicht richtig."
Vielleicht kennen Sie diese Situation: Eine Person möchte mehr Verantwortung im Familienalltag übernehmen. Sie kümmert sich um die Kinderarzttermine, organisiert die Morgenroutine oder übernimmt den Einkauf. Gleichzeitig bekommt sie immer wieder Rückmeldungen: Der Termin hätte früher gemacht werden müssen. Die Kinder hätten anders angezogen werden sollen. Der Einkauf sei nicht richtig geplant.
Irgendwann entsteht das Gefühl: Egal, was ich mache, es ist sowieso falsch. Vielleicht wird dann lieber noch einmal nachgefragt, bevor etwas entschieden wird. Oder die Motivation, Verantwortung zu übernehmen, geht ganz verloren.
Auf der anderen Seite steht eine Person, die eigentlich genau das wollte: Verantwortung abgeben. Und trotzdem findet sie sich plötzlich wieder dabei, zu erinnern, nachzufragen und Dinge selbst zu übernehmen.
Wie kommt es dazu?
Warum Loslassen schwer fällt
Wer lange viel Verantwortung getragen hat, hat häufig gelernt, alles im Blick zu behalten. Das kann ganz unterschiedliche Gründe haben: durch die eigene Sozialisation, durch bisherige Erfahrungen oder auch dadurch, dass man immer wieder erlebt hat, dass Dinge nicht funktionieren, wenn man sich nicht selbst darum kümmert. Vielleicht ist irgendwann das Vertrauen verloren gegangen, dass jemand anderes mitdenkt.
Verantwortung abzugeben bedeutet deshalb zunächst, darauf zu vertrauen, dass die andere Person die Verantwortung tatsächlich übernimmt und sich kümmert.
Gleichzeitig bedeutet es, auszuhalten, dass sie diese Verantwortung möglicherweise ganz anders umsetzt, als man es selbst tun würde.
Beides kann schwerfallen.
Vielleicht erinnert Sie das an meinen letzten Essay über das, was wir für „normal“ halten. Dort ging es darum, dass wir das, was uns vertraut ist, häufig für den richtigen Weg halten. Auch bei der Verteilung von Verantwortung kann genau das passieren: Wenn die andere Person Dinge anders organisiert oder erledigt, kann schnell der Gedanke entstehen: So macht man das doch nicht.
Doch nur weil etwas anders gemacht wird, bedeutet es nicht automatisch, dass es schlechter funktioniert. Viele Wege führen nach Rom.
Natürlich kann dabei die Sorge bleiben: Was, wenn es nicht funktioniert und ich es am Ende auffangen muss? Deshalb sollte klar besprochen sein, wer die Verantwortung übernimmt. Dazu gehört auch, dass die Person, bei der die Verantwortung liegt, die Konsequenzen trägt, wenn etwas nicht funktioniert.
Verantwortung annehmen heißt mehr als Aufgaben auszuführen
Aber auch Verantwortung zu übernehmen bedeutet mehr, als eine Aufgabe einfach zu erledigen.
Wenn eine Person die Verantwortung dafür übernimmt, dass die Kinder morgens für Schule oder Kita fertig werden, bedeutet das nicht, ständig zu fragen: „Wo liegen die Sportsachen?“ „Was muss heute angezogen werden?“ „Wie kalt ist es?“
Gerade am Anfang kann es verlockend sein, bei jeder Unsicherheit nachzufragen. Wenn diese Fragen aber immer wieder an die andere Person zurückgegeben werden, bleibt auch ein Teil der Verantwortung bei ihr – und damit der Mental Load. Dann kann es für die Person, die eigentlich Verantwortung abgeben möchte, sogar kräfteschonender sein, die Aufgabe gleich selbst zu übernehmen.
Verantwortung zu übernehmen bedeutet deshalb, selbst daran zu denken, nachzuschauen, Entscheidungen zu treffen und für das Ergebnis einzustehen. Nicht alles wissen zu müssen. Aber bereit zu sein, es selbst herauszufinden.
Finde deinen eigenen Weg nach Rom. Du schaffst das.
Im Austausch bleiben
Damit Verantwortung wirklich geteilt werden kann, braucht es natürlich trotzdem Austausch.
Es darf darüber gesprochen werden, was beiden wichtig ist und welche Standards beide miteinander vereinbaren möchten. Zum Beispiel: Wie sauber soll das Badezimmer sein? Wie früh sollten Arzttermine vereinbart werden? Was ist uns bei den Kindern besonders wichtig?
Hilfreich kann es sein, dafür einen festen Zeitpunkt zu vereinbaren – zum Beispiel einmal in der Woche oder am Abend. Dann ist Raum für die Fragen: Was funktioniert gut? Wo gibt es Schwierigkeiten? Was müssen wir neu besprechen? Und manchmal stellt sich dabei heraus: Das ist mir wirklich wichtig. Manchmal aber auch: Eigentlich könnte ich hier fünf gerade sein lassen.
Auch die Art, wie wir miteinander sprechen, macht einen Unterschied. Nicht: „Du machst das falsch.“ Sondern vielleicht: „Für mich ist es schwer auszuhalten, dass … Wäre es möglich, dass du das anders machst?“ So wird aus einer Korrektur ein Gespräch darüber, was beiden wichtig ist.
Das kann am Anfang anstrengend sein. Vielleicht sogar anstrengender, als alles einfach selbst zu machen. Aber langfristig kann genau darin eine große Entlastung liegen. Denn Verantwortung zu teilen bedeutet nicht, dass beide alles gleich machen. Es bedeutet, dass beide wissen: Das ist meins. Das ist deins. Und wir können darauf vertrauen, dass der andere seinen Teil trägt.
Vielleicht bedeutet Verantwortung zu teilen deshalb vor allem, einander etwas zuzutrauen. Du kannst loslassen. Ich finde einen guten Weg. Wir müssen es nicht auf dieselbe Weise machen, aber es wird funktionieren.
Zum Weiterlesen
Cammarata, P. (2020). Raus aus der Mental Load-Falle. Wie gerechte Arbeitsteilung in der Familie gelingt. Beltz.
Juli 2026
Was ist eigentlich normal?
Ist es normal, laut zu streiten? Oder Konflikten lieber aus dem Weg zu gehen? Ist es normal, dass Kinder jeden Abend gemeinsam mit ihren Eltern essen? Oder dass jede:r isst, wenn er oder sie Hunger hat? Ist es normal, sich jeden Tag bei der Beziehungsperson zu melden? Oder nur dann, wenn es etwas Wichtiges gibt? Ist es normal, Geburtstage groß zu feiern? Oder ihnen kaum Bedeutung zu schenken?
Vielleicht haben Sie beim Lesen einige dieser Fragen innerlich beantwortet. Und vielleicht würde jemand anderes dieselben Fragen ganz anders beantworten.
Gibt es überhaupt ein „Normal“?
„Das ist doch ganz normal.“ „Das war bei uns schon immer so.“
Wir sprechen oft davon, dass etwas „normal“ ist. Aus systemischer Sicht lohnt es sich jedoch, diesen Begriff genauer zu betrachten. Denn ein objektives „Normal“ gibt es eigentlich nicht.
Wir werden nicht mit einer Vorstellung davon geboren, wie die Welt funktioniert. Wir entwickeln sie im Laufe unseres Lebens – in unseren Familien, in unseren Freundschaften, in der Schule und in unserer Kultur.
Wir lernen, wie Konflikte ausgetragen werden. Wie Nähe gelebt wird. Wie über Geld gesprochen wird. Wer daran denkt, Milch einzukaufen. Ob Geburtstage groß gefeiert werden oder kaum eine Rolle spielen. Was als pünktlich gilt. Was wichtig ist – und was eher nebensächlich.
Aus diesen Erfahrungen entsteht nach und nach unsere ganz persönliche Vorstellung davon, wie die Welt funktioniert. Was wir immer wieder erleben, wird vertraut. Was vertraut ist, fühlt sich selbstverständlich an. Und was sich selbstverständlich anfühlt, nennen wir häufig „normal“.
Vielleicht ist „normal“ deshalb oft nur ein anderes Wort für „vertraut“.
Wenn unser „Normal“ auf das „Normal“ anderer trifft
Sobald unser „Normal“ auf das „Normal“ eines anderen trifft, entstehen nicht selten Missverständnisse, Irritationen – und manchmal auch Konflikte.
Erst wenn jemand etwas anders macht, wird unser eigenes „Normal“ sichtbar.
Plötzlich fragen wir uns:
- Warum macht sie das so?
- Warum sieht er das nicht?
- Warum kommt er überhaupt nicht auf die Idee?
Und manchmal erleben wir das Andere dann nicht einfach als anders, sondern als falsch. Nicht, weil wir bewusst urteilen möchten, sondern weil sich unser eigenes „Normal“ so selbstverständlich anfühlt, dass wir es leicht mit dem einzig richtigen Weg verwechseln.
Dabei ist es häufig gar nicht falsch – sondern einfach anders.
Was passiert, wenn es anders gemacht wird?
Dieses Spannungsfeld begegnet uns überall: in Familien, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz und natürlich auch in Paarbeziehungen.
Vielleicht erinnern Sie sich an meinen Essay über Konflikte (Mai 2026). Dort ging es darum, dass nicht allein die Häufigkeit von Konflikten über die Qualität einer Beziehung entscheidet, sondern wie Paare mit ihren Konflikte umgehen und ob es ihnen gelingt danach wieder miteinander in Verbindung zu kommen.
Auch dieser Umgang ist etwas, was wir gelernt haben. Manche Menschen haben erlebt, dass Konflikte laut ausgetragen werden. Andere haben gelernt, Streit möglichst zu vermeiden. Wieder andere haben erfahren, dass über Verletzungen kaum gesprochen wird.
In einer Beziehung treffen deshalb häufig unterschiedliche Vorstellungen davon aufeinander, wie miteinander umgegangen wird. In der Paartherapie geht es dann nicht darum, eine davon für richtig zu erklären, sondern gemeinsam zu überlegen: Wie möchten wir uns in Konflikten begegnen? Was möchten wir aus unseren bisherigen Erfahrungen mitnehmen? Und was darf in unserer Beziehung anders werden?
Dasselbe zeigt sich beim Thema Mental Load. Viele Paare wünschen sich eine gerechtere Verteilung von Verantwortung. Doch wenn Aufgaben neu verteilt werden, bedeutet das häufig auch, Kontrolle darüber abzugeben, wie etwas erledigt wird.
Vielleicht wird der Einkauf anders geplant, die Wäsche später zusammengelegt oder der Kindergeburtstag weniger aufwendig organisiert. Für die eine Person fühlt sich das zunächst ungewohnt an. Für die andere ist es völlig in Ordnung.
Und genau dieses Anders auszuhalten, kann schwierig sein.
Was daraus entstehen kann
In der systemischen Beratung und Paartherapie interessieren deshalb Fragen wie: Wann habe ich gelernt, dass Dinge so gemacht werden? Wofür war das damals hilfreich? Hilft es mir heute noch? Was möchte ich behalten? Und was darf sich verändern?
Diese Fragen richten den Blick auf das, was uns geprägt hat – und darauf, ob es heute noch zu unserem Leben passt.
Vielleicht möchten wir manches genauso weiterführen. Vielleicht entdecken wir anderes, das wir verändern möchten.
Gerade in Beziehungen kann daraus etwas Neues entstehen: ein Umgang mit Konflikten, der für beide funktioniert, eine Aufteilung von Verantwortung, die sich stimmig anfühlt, oder ein Alltag, der zu den Menschen passt, die wir heute sind.
Und manchmal entsteht daraus auch die Möglichkeit, gemeinsam etwas zu entwickeln, das es so bisher noch nicht gab.
Denn unser „Normal“ ist nicht festgeschrieben. Es ist entstanden. Und was entstanden ist, kann sich auch verändern.
Zum Weiterlesen
OpenStax. Agents of Socialization.
Eine Einführung dazu, wie Menschen durch Familie, Freundeskreis, Schule und andere soziale Zusammenhänge Werte, Normen und Verhaltensweisen entwickeln.
Online lesen – OpenStax
Wenzel, M., & Woodyatt, L. (2025). The Power and Pitfalls of Social Norms. Annual Review of Psychology, 76, 583–606.
Ein wissenschaftlicher Überblick darüber, wie soziale Normen entstehen, wirken und beeinflussen, was wir als angemessen und selbstverständlich wahrnehmen.
Online lesen – Annual Review of Psychology
Watzlawick, P. (1976). Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn, Täuschung, Verstehen. Piper.
Juni 2026
Warum Entscheidungen manchmal so schwer fallen.
"Ich habe Angst, die falsche Entscheidung zu treffen."
Diesen Satz höre ich sowohl in meiner paartherapeutischen Praxis als auch in meinen systemischen Beratungen immer wieder. Und ganz ehrlich – ich kann ihn gut nachvollziehen.
Entscheidungen können wahnsinnig herausfordernd sein. Dabei müssen es gar nicht immer die großen Fragen des Lebens sein: Soll ich mich trennen? Soll ich kündigen? Möchte ich Kinder haben? Soll ich den Kontakt zu einem Familienmitglied verändern?
Auch die scheinbar kleineren Entscheidungen können überraschend viel Kraft kosten. Soll ich die Einladung absagen und lieber zum Konzert gehen? Kann ich alleine, ohne meine Beziehungsperson, in den Urlaub fahren? Ist es in Ordnung, die eine Kollegin zum Lunch einzuladen und die andere nicht?
Von außen wirkt es manchmal so, als fehle nur ein wenig Mut oder Entschlossenheit. Doch so einfach ist es meistens nicht.
Entscheidungen sind oft deshalb so anstrengend, weil unterschiedliche Bedürfnisse gleichzeitig in uns wirksam sind. Sie ziehen uns in verschiedene Richtungen – und genau das macht es so herausfordernd.
Wenn in uns mehrere Stimmen gleichzeitig sprechen.
Nehmen wir eine scheinbar einfache Entscheidung: Soll ich dieses Jahr in den Urlaub fahren?
- Ich brauche unbedingt eine Pause.
- Gleichzeitig ist Urlaub wirklich teuer geworden.
- Eigentlich würde ich gerne einmal alleine verreisen.
- Aber wäre das für meine Beziehungsperson in Ordnung? Nicht, dass sie denkt, ich brauche Abstand von ihr.
- Und wenn ich fahre – wohin überhaupt? Lieber ans Meer und einfach ausruhen? Oder doch in die Berge und aktiv sein?
- Und bekomme ich das überhaupt mit meiner Arbeit vereinbart?
Aus einer einzigen Frage entstehen plötzlich viele weitere. Wenn schon eine Urlaubsplanung so viele Gedanken auslösen kann – wie mag es dann erst bei Entscheidungen sein, die weitaus größere Konsequenzen für das eigene Leben mit sich bringen?
Das Innere Team
Der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun beschreibt dieses Erleben mit dem Bild des Inneren Teams.
Statt nur einer Stimme, tragen wir unterschiedliche innere Anteile in uns. Sie entstehen aus unseren Erfahrungen, Beziehungen, Werten und dem, was wir im Laufe unseres Lebens gelernt haben.
Jeder dieser Anteile verfolgt ein eigenes Anliegen. Alle meinen es gut mit uns. Und genau deshalb fühlen sich Entscheidungen manchmal widersprüchlich an.
Dem inneren Durcheinander Struktur geben
Das Bild des Inneren Teams beschreibt nicht nur, warum Entscheidungen manchmal so schwerfallen. Es kann auch dabei helfen, dem inneren Durcheinander Struktur zu geben.
Denn solange alle Stimmen gleichzeitig sprechen, entsteht Chaos und das Gefühl, sich im Kreis zu drehen. Erst wenn die unterschiedlichen Anteile sichtbar werden, wird verständlicher, was in uns eigentlich gerade passiert.
In der systemischen Beratung arbeite ich deshalb gerne mit dem Bild eines großen Konferenztisches. An diesem Tisch dürfen alle inneren Anteile Platz nehmen. So wird sichtbar, welche Bedürfnisse, Werte oder Überzeugungen gerade miteinander ringen. Den einzelnen Stimmen Namen zu geben, kann dabei helfen, das innere Erleben greifbarer zu machen.
Nehmen wir noch einmal das Urlaubsbeispiel:
- Die Erschöpfte: „Ich brauche unbedingt eine Pause.“
- Die Finanzministerin: „Urlaub ist wirklich teuer geworden.“
- Die Suchende: „Ich weiß noch gar nicht, wohin ich eigentlich möchte.“
- Die Selbstfürsorgliche: „Eigentlich würde ich gerne einmal alleine verreisen.“
- Die Partnerschaftliche: „Ich möchte meine Beziehungsperson nicht verletzen.“
- Die Ruhebedürftige: „Ich wünsche mir Strand, Sonne und Nichtstun.“
- Die Abenteuerlustige: „Wie wäre es mit einer Alpenüberquerung?“
- Die Verantwortungsvolle: „Bekomme ich das überhaupt mit meiner Arbeit vereinbart?“
Dieses Beispiel hat natürlich keinen Anspruch auf Richtigkeit. Die Namen entstehen spontan und sehen bei jedem Menschen anders aus.
In der Beratung schauen wir dann gemeinsam darauf: Welche Stimmen sitzen eigentlich mit am Tisch? Welche Bedürfnisse stecken hinter den Anteilen? Welche vertreten ähnliche Interessen und gehen vielleicht eine Koalition ein? Welche nehmen besonders viel Raum ein – und welche kommen bisher kaum zu Wort? Und welche Anteile würden Sie vielleicht gerne ein wenig stärken?
Es geht dabei nicht darum, welche Stimme Recht hat. Sondern darum zu verstehen, warum sie da ist und wofür sie steht.
Nicht jede Unsicherheit muss verschwinden
Allein dieses Verstehen verändert etwas. Nicht, weil plötzlich alle Zweifel verschwinden. Sondern weil nachvollziehbarer wird, was eigentlich grade in uns passiert. Welche Bedürfnisse sind da. Welche sind besonders laut. Welche eher leise.
Vielleicht bedeutet Entscheidungsfähigkeit deshalb nicht, keine Unsicherheit mehr zu spüren. Sondern den verschiedenen Stimmen in uns einen Platz zu geben, ihre Anliegen zu verstehen und anschließend bewusst zu entscheiden, welchen Anteil wir in dieser Situation mehr Gewicht geben möchten – und dann den nächsten Schritt zu gehen.
Zum Weiterlesen
Schulz von Thun, F. (2013). Miteinander reden 3: Das „Innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation. Rowohlt.
Sie stehen selbst vor einer Entscheidung und würden das Innere Team gerne einmal ausprobieren?
Mai 2026
Wir möchten uns einfach nicht mehr streiten!
Warum Konflikte zu jeder Beziehung gehören.
Diesen Wunsch höre ich in der Paartherapie häufig. Und ich muss die Paare meist ein wenig enttäuschen – denn dieses Anliegen kann und möchte ich nicht erfüllen.
Zwei Menschen bringen unterschiedliche Erfahrungen, Bedürfnisse, Werte und Erwartungen mit. Sie erleben Situationen unterschiedlich, setzen andere Prioritäten und haben nicht immer dieselbe Meinung. Dass daraus Konflikte entstehen, ist nicht ungewöhnlich. Es wäre eher ungewöhnlich, wenn es keine gäbe.
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass viele Paare Konflikte als Zeichen dafür verstehen, dass mit ihrer Beziehung etwas nicht stimmt. Häufig erzählen sie, dass Streit in ihrer Herkunftsfamilie vermieden wurde. Treten in der eigenen Beziehung dann Konflikte auf, werden diese nicht selten als Warnsignal verstanden und die gesamte Beziehung infrage gestellt.
Nicht der Streit entscheidet, sondern der Umgang damit.
Dabei erlebe ich oft, dass die Häufigkeit der Konflikte gar nicht das eigentliche Problem ist. Auch Paare, die ihre Beziehung als glücklich erleben, streiten. Entscheidend ist vielmehr, wie sie miteinander umgehen – während des Konflikts und danach. Genau das zeigt auch die Paarforschung: Nicht die Anzahl der Konflikte sagt etwas über die Qualität einer Beziehung aus, sondern die Art und Weise, wie Paare sie austragen und ob es ihnen gelingt, nach einem Streit wieder miteinander in Verbindung zu kommen.¹
Ein Konflikt macht oft sichtbar, worüber bisher nicht gesprochen wurde. Vielleicht bleiben Bedürfnisse unerfüllt, Erwartungen unausgesprochen oder beide erleben dieselbe Situation völlig unterschiedlich. Solange darüber gesprochen werden kann, müssen Konflikte einer Beziehung nicht schaden. Im Gegenteil: Sie können helfen, sich selbst und den anderen besser zu verstehen.
Konflikte können sichtbar machen, was zwischen zwei Menschen gerade im Weg steht. Wenn beide bereit sind, sich damit auseinanderzusetzen, können daraus Veränderungen entstehen. Nicht, weil Streit etwas Positives ist, sondern weil er Entwicklung möglich macht.²
Das Ziel einer Paartherapie ist deshalb nicht, Streit zu vermeiden. Konflikte werden immer Teil einer Beziehung bleiben. Es geht vielmehr darum, einen Umgang mit ihnen zu finden, bei dem beide sich mit ihren Gedanken und Gefühlen ernst genommen fühlen und auch in schwierigen Momenten miteinander im Gespräch bleiben.
Denn nicht der Konflikt entscheidet darüber, wie sich eine Beziehung entwickelt. Sondern das, was zwei Menschen daraus machen.
Zum Weiterlesen
Overall, N. C., & McNulty, J. K. (2017). What Type of Communication During Conflict Is Beneficial for Intimate Relationships? Current Opinion in Psychology, 13, 1–5.
Eine wissenschaftliche Übersicht darüber, welche Formen der Kommunikation während Konflikten hilfreich oder belastend sein können und warum es dabei auf den jeweiligen Kontext ankommt.
Online lesen – PubMed Central
Donato, S., Parise, M., Pagani, A. F., Bertoni, A., & Iafrate, R. (2014). Demand-withdraw, Couple Satisfaction and Relationship Duration. Procedia – Social and Behavioral Sciences, 140, 200–206.
Eine frei zugängliche Studie zum sogenannten Demand-Withdraw-Muster, bei dem eine Person auf Auseinandersetzung drängt und die andere sich zurückzieht.
Online lesen – ScienceDirect